Ihr Lieben,

nur noch wenige Monate, bis meine Motte in die Schule kommt und immer öfter regt sich in mir die unbeliebte Frage: Packt sie das?

Ich habe mich jahrelang geweigert, sie zu „beschulen“. Natürlich habe ich sie gefördert, aber nicht im Sinne von „klassischer“ Frühförderung, also Lesen, Schreiben, Englisch etc.Ich bin ja der Meinung, dass die Kinder ohnehin so früh, nämlich spätetens mit der Einschulung, in diese Tretmühle kommen und sie nie wieder verlassen. Wenigstens die 6 Jahre sollten die Kinder richtig und unbeschwert Kinder sein.

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Wir haben Helen nach ihren Interessen, ohne Zwang oder Lehrplan, gefördert. Wenn sie Fragen stellt, beantworten wir sie möglichst geduldig, wir erforschen gemeinsam die Welt, wenn sie schreiben will, schreiben wir ihr etwas vor und sie malt es nach, wenn sie nähen, malen, springen will, machen wir das mit ihr oder ermöglichen es. Ihre Talente und Interessen liegen ganz eindeutig im kreativen Bereich, also legen wir da auch unseren Schwerpunkt, ganz automatisch, weil ihr das Spaß bereitet. Ab Sommer wird sich das ändern, dann gibt es einen Stundenplan und festgelegte Lehrinhalte. Dann ist das alles kein Wunschkonzert, Helen wird langsam Mitglied der Leistungsgesellschaft und muss, hart gesagt, „abliefern“, ob das Thema nun ihrem Interesse und ihrer Begabung entspricht oder auch nicht. img_14981

Ein bisschen kennen lernen musste sie dies schon im April letzten Jahres, seit wir einmal die Woche zur Logopädie gehen. Ich bin wirklich froh, dass wir das gemacht haben, da sie sich selber ihrer Defizite in der Aussprache bewusst war und sich nicht wohl damit fühlte. Mittlerweile hat sich dies enorm verbessert, alle Anlaute kommen sauber und so steht auch dem Lesen und Schreiben lernen laut Experten nichts mehr im Weg. Und trotzdem muss sie sich Woche für Woche für sie schwierigen sprachlichen Aufgaben stellen und sie muss ihre Hausaufgaben machen und üben, auch wenn sie keine Lust dazu hat.g

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Ich kenne viele Eltern, deren Kinder nicht per Zufall oder besonderer Begabung zur Einschulung Lesen und Schreiben können, sondern dank intensivem Training. Natürlich haben es diese Kinder in den ersten Wochen der Schule vielleicht leichter, aber die Wirkung ist doch nach spätestens einem Jahr verpufft, dann sind alle auf einem Niveau. Ich habe mich dafür entschieden, meiner Tochter die Zeit bis zur Einschulung auch „schulfrei“ zu halten, sie kann dann eben nur ein paar Wörter schreiben, nach denen sie mich gefragt hat und die sie quasi auswendig gelernt hat. Mit dieser Entscheidung hadere ich auch nicht und – das ist mir ganz wichtig – verurteile aber auch niemanden, der seinen Kindern im Vorschulalter das Schreiben beibringt.

Bei der Schuleingangsuntersuchung wurde mir nahegelgt, neben weitere logopädischer Behandlung auch Werfen und Fangen, Merkfähigkeit und Schuhe binden zu üben. Werfen und Fangen – ganz ehrlich- da kommt sie nach mir. Ich bin da auch so mega schlecht, habe aber bei den Bundesjugendspielen trotzdem immer noch eine Ehrenurkunde abgestaubt, weil ich schnell laufen und weit springen konnte. Bundesjugendspiele – auch ein für so viele Kinder demütigendes Event, aber das ist ein Thema, das wohl einen eigenen Blogpost wert wäre. Mein Mann übt schon immer mit ihr Ballspielen, bringt aber nichts. Wie bei mir. Bei Tristan hingegen fruchtet es und der wirft mit zwei Jahren schon weiter als ich – weil es seiner Begabung entspricht. Also auch dieses Thema sehe ich eher locker und mein Mann gibt ja auch nicht auf.

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Schuhe binden haben wir einfach nie geübt, weil sie schlicht und ergreifend keine Schnürschuhe hat. Samstag habe ich mich dann mal mit ihr hingesetzt und es ihr gezeigt und siehe da: Schon heute konnte sie es perfekt. Da hat sie mich mal wieder echt überrascht.

Das Thema Merkfähigkeit allerdings beschäftigt mich schon. Festgestellt wird das anhand von Fantasiewörtern mit mehreren Silben, die die Kinder nachsprechen müssen. Ich war mir bei der Untersuchung nicht ganz sicher, ob die Maus überhaupt das Prinzip ganz zu schweigen den Sinn der Übung verstanden hat. Doch auch auch im Alltag hat sie manchmal Schwierigkeiten mit fremden, zunächst sinnfreien Wörtern und mir kommen dann wieder die Zweifel: Packt sie das? Ich bin mir ganz sicher, dass sie das irgendwann packen wird, der Gedanke aber, dass sie vielleicht im Sommer noch nicht so weit ist und ihr vermittelt wird, sie sei unzureichend, macht mir Angst. Wir werden also ganz sicher an der Merkfähigkeit arbeiten, gemeinsam mit unserer tollen Logopädin.

Ich finde es schwierig, dass man den Kindern nicht einfach die Zeit lassen kann, die sie individuell brauchen. Ich glaube nach wie vor an mein Prinzip, die Kinder Kind sein zu lassen und sie nicht ständig mit Erwartungen und Leistungsanforderungen vollzupumpen, bevor sie 1.20m groß sind. Die Erfahrung genau so gut zu sein und dafür geliebt zu werden, wie man ist, ohne Ansprüche zu erfüllen, ist so wichtig.

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Und trotzdem kommen aufgrund der anstehenden Einschulung Zweifel in mir auf, ob ich nicht auch im klassischen Sinne hätte mehr „frühfördern“ müssen. Interessiert nämlich leider keinen, dass Helen jedes Tier aus dem Kopf malt und so kreative Werke schafft. Wie sie singt und dass sie sich stundenlang in Rollenspielen verliert. Dass sie empathisch ist, mit 6 schon so viel Verantwortung z.B. für ihren Bruder übernimmt, für andere einsteht. Nein, falsch, was schreibe ich da: Mich, uns interessiert es und sie ist ein guter, intelligenter und liebenswerter kleiner Mensch, der diese Welt bereichert. Und irgendwie wird sie auch die Schule packen. Wer weiß, vielleicht sind all die Ängste völlig unbegründet und sie fühlt sich in der Schule wohl, ist allen Anforderungen gewachsen und sie genießt das Lernen.

Und ein paar Monate haben wir ja auch noch Zeit! Am letzten Wochenende hat Helen neben Schuhe binden auch noch Rollschuh fahren und im Hallenbad auf den Boden tauchen gelernt.

Ich geh jetzt noch eine Runde in die Sauna und versuche die Sorgen zu vertreiben, die vermutlich gar nicht begründet sind. Wer hätte gedacht, dass ich mal so eine Glucke werde 🙂

Auf den Fotos seht ihr Helen übrigens in Schnitten von Petit et Jolie, dem Polohemd Paula und der Hose Sweaty. Der Schmetterlings-Sommersweat ist von Finemines Kleine Welt. Die Fotos sind im Januar auf Fuerte Ventura entstanden und hier seht ihr die in den Augen der jungen Dame perfekte Freizeitgestaltung: Klettern, springen, erforschen, Muscheln und Krebse suchen und Wasserpflanzen untersuchen. Wir haben übrigens tatsächlich einen kleinen Eisiedlerkrebs gefunden, der in einer Muschel wohnt und konnten uns nur schwer von ihm trennen, „so süüüüüüß“ war der. „Ich hab den Krebs so lieb, Mama“, und mein Herz schmilzt schon wieder wenn ich daran denke.

Eure Elli

Verlinkt bei creadienstag, handmade on tuesday und Dienstagsdinge

 

 

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